Alräunchens Gang zu den Wachenden
Das Rad drehte sich wieder. Dann stand es still.
"Es ist das Rad des Lebens", sagte der stille Begleiter.
Alräunchen sah ihn vor seinem Bett stehen und freute sich.
"Es ist schön, daß du kommst", sagte er, "ich will es gleich dem Kater sagen."
"Den Kater wollen wir heute in Ruhe lassen", sagte der stille Begleiter und strich dem schlafenden Tier behutsam über das feine Fell. "Heute müssen wir alleine gehen. Für deinen Kater ist der Gang zu weit."
"Es ist gewiß der Gang zu den Wachenden, von denen Habakuk erzählte, bevor er wütend wurde", sagte Alräunchen und war sehr neugierig. "Für mich wird es auch gewiß nicht zu weit sein", schloß er eifrig, "denn ich will ja in die Ferne."
Der stille Begleiter lächelte. Es war ein trauriges Lächeln. "Für dich ist der Weg auch zu weit", sagte er, "wenigstens heute. Ich werde dich nur zum Anfang führen. Später gehst du ihn allein weiter. Es ist sehr mühsam. Stufe um Stufe. Am Ende ist die Ferne. Komm!"
Er nahm Alräunchen bei der Hand.
"Dann werde ich die Ferne doch noch sehen?" fragte Alräunchen glücklich.
Der stille Begleiter nickte mit dem Kopf. Es war ein Lichtschein um ihn.
"Einmal wirst du sie sehen", sagte er.
Sie gingen nebeneinander. Es war Wildnis um sie. Es waren Blutspuren in der Wildnis.
Alräunchen freute sich nicht mehr, daß er mitgegangen war.
Ein Raubtier strich an ihnen vorbei. Alräunchen konnte es nicht erkennen. Es war groß und stark und leckte sich hungrig die Schnauze. Seine Augen flatterten. Es schlich leise auf federnden Sohlen nach Beute. Dann schrie etwas auf, gellend und voller Entsetzen. Das Raubtier heulte siegesfroh im Dickicht.
Alräunchen schauderte und griff nach der Hand dessen, der mit ihm ging.
"Muß das sein?" fragte er angstvoll.
Der stille Begleiter sah zur Seite.
"Es folgt den Blutspuren, die andere vor ihm hinterlassen haben. Es ist eine Stufe. Der Weg, den wir gehen, hat lauter Stufen. Darum ist er so mühsam."
"Ich glaube, der Weg ist mir zu weit", sagte Alräunchen kleinlaut.
Der stille Begleiter faßte die Hand des Kindes ganz fest. "Du mußt ihn doch gehen, wenn du in die Ferne willst," sagte er. "Aber heute führe ich dich nicht mehr weit. Sonst wirst du zu müde. Man darf nicht müde werden, wenn man den Weg geht."
"Ich will auch nicht müde werden", versprach Alräunchen tapfer, "denn ich will in die Ferne."
Die Wildnis lichtete sich. Sie kamen auf einen Weg. Andere Wege kreuzten ihn. Es standen wenig Blumen am Wegrand. Die Gleise in den Wegen aber waren sehr tief. In den Gleisen kroch ein Lastwagen. Die Räder knirschten im Sande. Jetzt stockte die Last. Der Führer trieb die müden Klepper an. Sie keuchten und legten sich von Neuem ins Joch. Von der anderen Seite her trieb man eine Kuh zum Schlachthof. Sie brüllte klagend nach ihrem Kalb. Das Kalb hörte sie nicht mehr. Es war weit. Das Schlachthaus stand groß und grau in der dicken Nebelluft.
Alräunchen war müde und weinerlich.
"Ich will nach Hause", sagte er.
"Sie fahren immer dieselben Gleise", sagte der stille Begleiter, "sie fahren in den Gleisen, die andere vor ihnen gefahren sind. Die Gleise sind schon tief. Es ist eine Stufe."
Sie gingen weiter. Im Straßengraben saß ein alter Mann. Er hatte einen ganz gekrümmten Rücken. Man sah es deutlich, denn er hatte den Kasten abgenommen, den er sonst auf dem krummen Rücken schleppte. Es war Tand im Kasten. Der alte Mann handelte damit. Er zählte das Geld nach, das er eingenommen hatte. Es war wenig. Aber er konnte heute nicht mehr weiter mit dem Kasten. Es war zu schwer. Der Mann beugte den Rücken noch mehr und hustete. So wie alte Leute husten -- schleppend und qualvoll.
"Es sind so wenig Blumen am Wegrand, wo der alte Mann sitzt", sagte Alräunchen.
"Es sind mehr Blumen da", sagte der stille Begleiter freundlich. "Du siehst sie noch nicht. Du wirst sie sehen lernen."
"Sieht sie der alte Mann auch nicht?"
"Er wird sie bald sehen", sagte der stille Begleiter.
"Die Wege gehen so durcheinander", sagte Alräunchen, "ich wüßte nicht, welchen ich gehn sollte. Es war schöner bei den Schlafenden als bei den Wachenden."
"Sie wachen. Aber sie sehen noch nicht. Darum gehn ihre Wege durcheinander. Es sind Irrwege. Sie drehn sich im Kreise um sich selbst in den alten Gleisen. Die Wege führen alle auf eine große Straße. Wenige finden sie."
"Es ist auch zu dunkel", sagte Alräunchen.
"Man muß im Dunkeln gehn, um die Sterne zu sehen", sagte der stille Begleiter.
"Ich will die Straße finden", sagte Alräunchen.
Der Schein um das Haupt des stillen Begleiters wurde ganz hell und licht.
"Du wirst sie finden", sagte er, "dies ist nur der Anfang. Weiter mußt du alleine gehen."
Alräunchen wurde es schwindlig.
Das Rad des Lebens drehte sich wirr und wild.
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Als Alräunchen am Morgen erwachte, war er müde. So müde, wie er noch nie gewesen war.
Ein Ende, das nur ein Anfang ist
Alräunchen war vom Lande in die Stadt gekommen. Er sollte eine höhere Schule besuchen. Es war die Stadt, wo zum Johannisfest Jahrmarkt war. Alräunchen kam es vor, als sei immer Jahrmarkt in der Stadt, bunt und laut und lärmend. Er sehnte sich nach dem Kater.
Eines Tages teilte man ihm mit, daß der Kater gestorben wäre. Man sagte es schonend und vorsichtig. Man wußte nun schon, daß Alräunchen kein normales Menschenkind war. Alräunchen ging auf sein Zimmer und weinte. Er weinte bitterlich, denn es war der erste große Schmerz seines Lebens, und Alräunchen war ein Kind.
Alräunchen wußte damals noch nicht, daß er immer ein Kind bleiben würde. Sonst hätte er noch viel bitterlicher geweint.
Alräunchen weinte. Der Jahrmarkt des Lebens versank vor ihm, und es war still um ihn wie früher, als er Müffchen machte mit dem Geschöpf, um das er weinte. Es war ganz still. Nur sein Herz schlug hörbar.
"Ich möchte noch einmal meinen Kater sehn", sagte Alräunchen. Aber er sagte es lautlos. Es war ein Reden in der Stille. Das konnte er nun. Es ist sehr viel, wenn man das kann.
Da stand der stille Begleiter neben ihm und legte ihm die Hand auf die Augen.
Alräunchen war es, als sähe er die ganze Erde umsponnen mit einem Netz von Wegen. Es waren die Irrwege. Er kannte sie deutlich wieder. So viele irrten in dem Netz, es war nicht zu übersehen. Mitten hindurch aber zog sich eine breite Straße, so klar und deutlich, daß man sich sehr wundern mußte, daß niemand sie sah. Es waren nur wenige auf der Straße.
"Das ist die Straße des Erbarmens", sagte der stille Begleiter, "nun siehst du in die Ferne, weil du durch Tränen gesehen hast."
Jetzt sah Alräunchen den Kater auf der großen Straße gehen. Er erkannte ihn genau. Nur sein Fell erschien ihm lichter, und es war ein fremder Schein um ihn.
Am Ende der Straße stand eine Brücke. Die war das Schönste, was Alräunchen je gesehn hatte. Aber man konnte nicht erkennen, wohin sie führte. Sie verschwand im Licht.
Alräunchen sah den Kater auf der Brücke. Dann sah er ihn nicht mehr. Das Licht hatte ihn aufgenommen.
Da begriff Alräunchen, was er bisher nur geahnt hatte -- die Heiligkeit des Geschöpfs.
Und er wußte, welche Straße er gehen würde. Er wußte auch, daß er sehr, sehr einsam sein würde auf diesem Weg.
Denn die Straße des Erbarmens ist menschenarm.
Alräunchen barg den Kopf in den Händen. Ihm graute vor seinem Leben.
"Du wirst doch nie ganz allein sein", sagte der stille Begleiter.
Es ist kein Ende.
Es ist nur ein Anfang.
Es ist ein kleiner Anfang.
Aber es ist ein Aufstieg.
In der Ferne des Weges steht die Brücke im Licht.
Aus: Das Manfred Kyber Buch, Rowohlt, Dezember 1985
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